Den Kreislauf in der Familie durchbrechen
Manchmal passiert es in einem ganz normalen Moment. Dein Kind macht etwas, du bist müde und gestresst und plötzlich reagierst du schärfer, als du eigentlich wolltest. Dann hörst du dich selbst einen Satz sagen, den du aus deiner eigenen Kindheit kennst.
„Jetzt stell dich nicht so an.“
„Dafür musst du doch nicht weinen.“
„Wie oft soll ich dir das noch sagen?“
Und danach kommt dieser kleine Moment, in dem du denkst: Mist. Genau das wollte ich doch eigentlich anders machen.
Das kennen viele Eltern. Denn wir geben nicht nur Gene, Namen und Familienfotos weiter. Wir übernehmen auch, oft völlig unbewusst, Vorstellungen darüber, wie man miteinander umgeht. Wie wird gestritten? Darf man widersprechen? Sind Gefühle willkommen? Was passiert, wenn jemand einen Fehler macht?
Was wir aus unserer Familie mitnehmen
Jede Familie hat ihre eigenen Muster. In manchen Familien wird über alles gesprochen. In anderen wird lieber geschwiegen. Manche Eltern können sich entschuldigen, andere haben das selbst nie gelernt. Manche Kinder erleben, dass ihre Gefühle ernst genommen werden. Andere lernen früh: Sei stark, mach keinen Ärger und funktioniere.
Solche Erfahrungen können prägen, wie wir später selbst Beziehungen führen und mit unseren Kindern umgehen.
Besonders deutlich zeigt sich das bei belastenden Kindheitserfahrungen. Die Weltgesundheitsorganisation nennt eigene Erfahrungen mit Misshandlung in der Kindheit als einen Risikofaktor dafür, später selbst Gewalt gegenüber Kindern auszuüben. Gleichzeitig betont sie, dass diese Weitergabe nicht zwangsläufig ist und dass Unterstützung für Eltern und positive Erziehung eine wichtige Rolle bei der Prävention spielen.
Das ist ein wichtiger Unterschied: Eine schwierige Kindheit bedeutet nicht, dass du deine eigene Geschichte wiederholen wirst.
Eine aktuelle Meta Analyse von 65 Studien mit 80 Stichproben hat untersucht, wie sich Misshandlung über Generationen hinweg fortsetzt oder unterbrochen wird. Dabei wurden 17,1 Prozent als sogenannte „cycle maintainers“ eingeordnet. 23,6 Prozent wurden als „cycle breakers“ bezeichnet. Das zeigt ziemlich deutlich: Es gibt Weitergabe, aber genauso gibt es Menschen, bei denen ein belastendes Muster nicht einfach weitergeht.

„Bei meinen Kindern wird das anders“
Diesen Satz kennen wahrscheinlich viele Menschen, die selbst schwierige Erfahrungen gemacht haben.Und er ist ein guter Anfang. Aber manchmal reicht ein guter Vorsatz nicht.
Denn unter Stress reagieren wir nicht immer so, wie wir es uns vorgenommen haben. Wenn du selbst gelernt hast, dass Konflikte mit Lautstärke gelöst werden, kann genau diese Reaktion in einem Moment völliger Überforderung wieder auftauchen. Wenn du als Kind gelernt hast, dass Tränen nerven oder Schwäche bedeuten, kann es schwer sein, die großen Gefühle des eigenen Kindes auszuhalten. Und dann sitzt du nach einem langen Tag da, dein Kind weint wegen der falschen Farbe des Trinkbechers und du bist selbst kurz davor, die Nerven zu verlieren.
Das ist Familienleben. Nicht besonders Instagram-tauglich, aber ziemlich normal.
Einen Kreislauf zu durchbrechen bedeutet deshalb nicht, immer ruhig und geduldig zu sein. Das wäre ein unrealistischer Anspruch. Es geht vielmehr darum, die eigenen Muster zu erkennen.
Was passiert gerade mit mir?
Warum reagiere ich so stark?
Was gehört wirklich zu dieser Situation und was bringt vielleicht etwas Altes in mir zum Vorschein?
Und vor allem: Wie möchte ich diesmal damit umgehen?
Veränderung beginnt oft in einem sehr kleinen Moment
Vielleicht bemerkst du irgendwann früher, dass deine Geduld gerade zu Ende geht. Du gehst kurz aus dem Raum. Du atmest durch. Du sagst deinem Kind: „Ich bin gerade ziemlich wütend. Wir reden gleich weiter.“ Vielleicht klappt es beim nächsten Mal trotzdem nicht. Dann kannst du später zurückkommen und sagen: „Das war gerade nicht fair von mir. Ich war überfordert. Du warst nicht schuld daran.“ Das klingt nach einer Kleinigkeit. Für ein Kind kann es aber eine wichtige Erfahrung sein. Es erlebt, dass Erwachsene Fehler machen können und trotzdem Verantwortung übernehmen. Dass ein Streit nicht bedeutet, dass die Beziehung kaputt ist. Dass man sich entschuldigen kann, ohne sein Gesicht zu verlieren.
Auch die WHO empfiehlt evidenzbasierte Elternprogramme, die Eltern dabei unterstützen, positive Erziehung zu stärken und harte Erziehung zu reduzieren. Studien zeigen unter anderem Verbesserungen beim elterlichen Verhalten und beim Umgang mit Stress.
Du musst deine Eltern nicht verurteilen
Ein familiäres Muster zu erkennen bedeutet nicht automatisch, dass du deine Eltern für alles verantwortlich machen musst. Vielleicht hatten sie selbst keine anderen Vorbilder. Vielleicht waren sie überfordert. Vielleicht wussten sie tatsächlich nicht, wie sie es anders machen sollten. Du kannst das verstehen und trotzdem sagen: „Ich möchte es anders machen.“ Beides darf nebeneinander existieren. Verstehen bedeutet nicht, alles gutzuheißen. Und Veränderung bedeutet nicht, dass du deine Vergangenheit ablehnen musst. Es bedeutet, dass du selbst entscheiden darfst, was du aus deiner Geschichte mitnehmen möchtest.
Was soll bei dir enden?
Vielleicht ist es der Satz „Sei nicht so empfindlich“. Vielleicht die Vorstellung, dass Kinder immer funktionieren müssen. Vielleicht das Schweigen nach einem Streit. Vielleicht das Gefühl, immer für die Stimmung aller anderen verantwortlich zu sein. Oder etwas ganz anderes. Du musst nicht die gesamte Familiengeschichte reparieren. Du musst auch keine perfekte Mutter und kein perfekter Vater werden. Manchmal beginnt Veränderung mit einem einzigen Satz: „Es tut mir leid. Das war gerade nicht in Ordnung.“ Oder: „Du darfst traurig sein. Ich bin trotzdem da.“ Oder: „Ich mache es diesmal anders.“
Denn darum geht es letztlich. Nicht darum, deinem Kind eine perfekte Kindheit zu garantieren. Das kann niemand. Es geht darum, ihm neue Erfahrungen zu ermöglichen. Dass Gefühle Platz haben. Dass Fehler repariert werden können. Dass ein Nein erlaubt ist. Dass Erwachsene Verantwortung übernehmen. Und dass Liebe nicht davon abhängt, immer alles richtig zu machen.
Du kannst nicht entscheiden, was dir deine Familie mitgegeben hat. Aber du kannst entscheiden, was du weitergibst.
Und manchmal beginnt genau dort ein neuer Familiengeschichte.
In dir beginnt's
