Man kann nicht nicht kommunizieren

Paul Watzlawicks berühmtes erstes Axiom der Kommunikation klingt zunächst fast wie ein philosophisches Rätsel: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Gemeint ist damit etwas ziemlich Alltägliches: Sobald Menschen miteinander in Beziehung stehen, vermittelt auch ihr Verhalten Informationen. Nicht nur das gesprochene Wort, sondern ebenso Schweigen, Blickkontakt, Körperhaltung, Mimik oder ein demonstrativ leerer Gesichtsausdruck können für den anderen eine Botschaft enthalten.

Das Spannende daran ist, dass Kommunikation deshalb auch dann stattfindet, wenn wir eigentlich gar nichts sagen möchten.

Stell dir vor, du fragst jemanden: „Ist alles in Ordnung?“ Die Antwort lautet: „Ja.“ Gleichzeitig wird der Blick abgewendet, die Arme werden verschränkt und der Ton klingt ungefähr so, als hätte das Wort „Ja“ gerade eine sehr anstrengende Arbeitswoche hinter sich. Was kommt beim Gegenüber an? Wahrscheinlich nicht nur „Ja“.

Genau hier wird Watzlawicks Gedanke interessant. Kommunikation besteht nicht ausschließlich aus dem Inhalt einer Nachricht. Wir nehmen immer auch wahr, wie etwas vermittelt wird und welches Verhalten eine Person gleichzeitig zeigt. Unser Gegenüber interpretiert diese Signale und bildet daraus eine Vorstellung davon, was gemeint sein könnte.

Dabei entsteht allerdings ein entscheidendes Problem: Interpretation ist nicht dasselbe wie Wahrheit.

Ein verschränkter Arm kann Unsicherheit bedeuten, Kälte, Gewohnheit oder schlicht einen gemütlichen Sitzplatz. Ein Schweigen kann Ablehnung bedeuten, aber genauso gut Müdigkeit oder den Versuch, gerade die richtigen Worte zu finden. Nonverbale Signale sind also keineswegs ein zuverlässiges Wörterbuch für die Gedanken anderer Menschen.

Und genau deshalb entstehen so viele Missverständnisse.

Wir sehen ein Verhalten, geben ihm eine Bedeutung und reagieren anschließend auf diese Bedeutung. Der andere wiederum reagiert auf unsere Reaktion. Aus einem kurzen Blick kann so innerhalb weniger Minuten eine komplette Geschichte entstehen, obwohl niemand sie tatsächlich ausgesprochen hat.

Das lässt sich besonders gut in Beziehungen beobachten. „Ist etwas?“, „Nein.“ „Sicher?“ „Ja.“ Und plötzlich ist aus zwei Menschen, die eigentlich nur wissen wollten, wie es dem anderen geht, ein kleines Kommunikationsforschungsprojekt geworden.

Watzlawicks Axiom bedeutet deshalb nicht, dass wir jede Bewegung oder jeden Gesichtsausdruck eindeutig entschlüsseln können. Es bedeutet vielmehr, dass unser Verhalten in sozialen Situationen grundsätzlich Mitteilungscharakter haben kann. Wir senden Signale, andere Menschen nehmen diese wahr und interpretieren sie.

Das macht Kommunikation gleichzeitig faszinierend und kompliziert.

Denn wir können nicht vollständig kontrollieren, was andere aus unserem Verhalten machen. Wir können aber beeinflussen, wie klar wir selbst kommunizieren.

Wenn du verletzt bist, kann ein „Ist schon okay“ etwas völlig anderes vermitteln als ein ehrliches „Das hat mich gerade getroffen“. Wenn du Ruhe brauchst, kann Schweigen beim anderen Unsicherheit auslösen. Ein Satz wie „Ich brauche gerade zehn Minuten für mich, danach können wir darüber sprechen“ schafft dagegen Orientierung.

Das ist keine perfekte Kommunikation. Die gibt es ohnehin nur in Ratgeberbüchern und wahrscheinlich auch dort nur bis Seite 37.

Aber es ist bewusstere Kommunikation.

Watzlawicks erstes Axiom erinnert uns damit an etwas Entscheidendes: Kommunikation beginnt nicht erst, wenn wir den Mund aufmachen. Sie findet bereits darin statt, wie wir uns verhalten, wie wir aufeinander reagieren und welche Bedeutung wir unserem Verhalten geben.

Und manchmal lohnt es sich deshalb, nicht nur zu fragen:

„Was hat der andere gesagt?“

Sondern auch:

„Was ist zwischen uns passiert, bevor überhaupt jemand etwas gesagt hat?“

Genau dort beginnt ein großer Teil dessen, was wir Metakommunikation nennen: über die Kommunikation selbst nachzudenken und sichtbar zu machen, was gerade zwischen zwei Menschen passiert.

Wenn du solche Kommunikationsmuster besser verstehen möchtest und wissen willst, was hinter bestimmten Reaktionen, Konflikten oder Missverständnissen steckt, begleite ich dich gerne dabei.

Manchmal verändert sich ein Gespräch nicht dadurch, dass wir mehr sagen, sondern dadurch, dass wir besser verstehen, was zwischen den Zeilen passiert.

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