Wer bin ich eigentlich noch, seit ich Mama bin?
Es gibt diesen Moment, den wahrscheinlich viele Mütter kennen. Die Kinder schlafen endlich, der Tag ist geschafft und für ein paar Minuten ist es tatsächlich ruhig. Du sitzt da und könntest jetzt eigentlich entspannen. Stattdessen kommt plötzlich dieser Gedanke: „Wer bin ich eigentlich noch, seit ich Mama bin?“
Du liebst deine Kinder. Natürlich. Und trotzdem vermisst du manchmal die Frau, die du vor ihnen warst. Die Frau, die spontan einen Kaffee trinken ging, stundenlang lesen konnte, berufliche Pläne hatte oder einfach einen Nachmittag lang machen konnte, worauf sie Lust hatte. Heute dreht sich ein großer Teil des Tages darum, was andere brauchen. Essen, Termine, Kindergarten, Schule, Arbeit, Haushalt, Arztbesuche, Wäsche. Und irgendwo zwischen all dem bist auch du. Nur manchmal weißt du gar nicht mehr genau, wo.
Das Verrückte daran ist: Meistens passiert dieser Wandel nicht plötzlich. Niemand steht eines Morgens auf und denkt: „So, heute gebe ich meine Identität ab.“ Es passiert Stück für Stück. Erst wird ein Treffen abgesagt, weil das Kind krank ist. Dann wird das Hobby auf später verschoben. Der Job verändert sich. Schlaf wird wichtiger als Freizeit. Die eigenen Wünsche werden immer wieder hinten angestellt. Und irgendwann stellst du fest, dass du ziemlich genau weißt, was alle anderen brauchen, aber bei der Frage „Was möchtest du eigentlich?“ erst einmal keine Antwort hast.
In der Psychologie gibt es für den Übergang in die Mutterschaft den Begriff Matreszenz. Damit wird die umfassende körperliche, soziale und psychologische Veränderung beschrieben, die mit dem Mutterwerden einhergeht. Mutterschaft verändert also nicht nur deinen Alltag, sondern auch dein Selbstbild und deine Identität. Studien zeigen, dass Frauen dabei gleichzeitig neue Fähigkeiten, mehr Sinn und eine stärkere Verbundenheit erleben können, aber auch das Gefühl, Teile ihrer bisherigen Identität oder Autonomie zu verlieren. Und genau diese Gleichzeitigkeit macht es manchmal so schwierig.

Du kannst unglaublich glücklich über deine Kinder sein und dein früheres Leben vermissen. Du kannst dankbar sein und erschöpft. Du kannst deine Kinder über alles lieben und trotzdem dringend eine Stunde Ruhe brauchen. Das widerspricht sich nicht. Es bedeutet nicht, dass du deine Rolle als Mutter nicht schätzt. Es bedeutet einfach, dass du neben dieser Rolle weiterhin ein eigener Mensch bist.
Gerade dieser Punkt wird oft unterschätzt. Von Müttern wird häufig erwartet, dass sie sich selbstverständlich anpassen. Die Bedürfnisse der Kinder stehen an erster Stelle, die Familie muss funktionieren und am besten soll man dabei noch entspannt aussehen. Dazu kommen die vielen Vorstellungen davon, was eine „gute Mutter“ ausmacht. Geduldig sein. Gesund kochen. Grenzen setzen. Nähe geben. Beruflich nicht den Anschluss verlieren. Zeit für die Kinder haben. Zeit für den Partner haben. Und natürlich auch noch etwas für sich selbst tun.
Kein Wunder, wenn irgendwann der eigene Akku ziemlich leer ist.
Dabei geht es nicht darum, wieder genau die Frau zu werden, die du vor der Mutterschaft warst. Vielleicht passt diese Frau heute gar nicht mehr zu dir. Du hast dich verändert. Du hast neue Erfahrungen gemacht, andere Prioritäten entwickelt und wahrscheinlich Seiten an dir entdeckt, die vorher gar keinen Platz hatten. Die Frage ist deshalb vielleicht nicht: „Wie bekomme ich mein altes Leben zurück?“
Die bessere Frage könnte sein: „Wer möchte ich heute sein?“
Vielleicht möchtest du beruflich etwas verändern. Vielleicht möchtest du wieder mehr kreativ sein. Vielleicht brauchst du mehr Zeit für dich. Vielleicht merkst du, dass du ständig für alle anderen funktionierst und gar nicht mehr weißt, was dir eigentlich Freude macht. Vielleicht möchtest du auch einfach wieder einmal etwas tun, ohne vorher zu überlegen, ob es in den Familienkalender passt.
Und nein, damit musst du nicht gleich dein gesamtes Leben umkrempeln.
Manchmal beginnt es viel kleiner. Mit einem Abend, der nur dir gehört. Mit einem Hobby, das du irgendwann aufgegeben hast. Mit einem Gespräch, das du schon lange führen möchtest. Mit einem Nein, das du dich bisher nicht getraut hast auszusprechen. Oder mit der einfachen Frage: „Was brauche ich eigentlich gerade?“
Das ist keine Selbstsucht. Es ist Selbstwahrnehmung.
Denn dein Kind braucht keine Mutter, die sich selbst vollständig aufgibt. Es darf erleben, dass Mama eigene Bedürfnisse hat. Dass sie Grenzen setzen darf. Dass sie Fehler macht. Dass sie sich um andere kümmert und trotzdem auf sich selbst achtet.
Vielleicht ist das sogar eine der wertvollsten Dinge, die du deinem Kind mitgeben kannst: Dass man jemanden lieben kann, ohne sich selbst dabei zu verlieren.
Du bist Mama. Das ist ein großer Teil von dir. Aber es ist nicht alles, was dich ausmacht.
Du bist immer noch die Frau mit deinen eigenen Gedanken, Wünschen, Träumen, Interessen und Fragen. Vielleicht ist manches davon leiser geworden. Vielleicht liegt einiges gerade unter einem ziemlich großen Berg aus Wäsche. Aber es ist noch da. Und manchmal beginnt Veränderung nicht damit, dass du weißt, wohin du möchtest.
Sondern mit einem ganz einfachen Gedanken: „Ich möchte mich selbst wieder ein bisschen kennenlernen.“
