Wir sind nicht zu empfindlich. Wir sind einfach ständig auf Empfang

Du sitzt abends auf dem Sofa. Die Kinder schlafen, der Arbeitstag ist vorbei und eigentlich wäre jetzt genau der Moment, in dem du einmal nichts tun müsstest. Dann vibriert dein Handy. Du schaust kurz nach, nur für einen Moment. Eine Nachricht aus der Kita, eine E Mail, eine Schlagzeile, vielleicht ein Beitrag über die politische Lage oder eine Nachricht von jemandem, der gerade ein Problem hat. Aus dem kurzen Blick werden zehn Minuten und plötzlich ist dein Kopf wieder voll. Du denkst über Dinge nach, die vorher gar nicht da waren, erinnerst dich an etwas, das du noch erledigen musst, ärgerst dich über eine Nachricht oder machst dir Sorgen über etwas, das Tausende Kilometer entfernt passiert.

Vielleicht kennst du dieses Gefühl. Eigentlich ist gerade gar nichts passiert und trotzdem bist du angespannt. Dein Körper sitzt auf dem Sofa, aber deine Gedanken sind längst wieder unterwegs. Bei der Arbeit, bei den Kindern, bei der nächsten Rechnung, bei einer Nachricht, die du beantworten solltest, oder bei einer Krise, die du gerade erst in den Nachrichten gesehen hast. Wir leben in einer Zeit, in der wir praktisch alles mitbekommen können. Und vielleicht liegt genau darin ein Teil unseres Problems. Wir sind nicht unbedingt empfindlicher geworden. Wir sind einfach ständig auf Empfang.

Unser Smartphone ist längst viel mehr als ein Telefon. Es ist Kalender, Nachrichtenquelle, Bank, Kamera, Wecker, Navigationsgerät, Unterhaltung und Kommunikationszentrale in einem. In Deutschland verbringen Smartphone Nutzerinnen und Nutzer inzwischen durchschnittlich rund drei Stunden am Tag mit ihrem Gerät. Bei den 30 bis 49 Jährigen liegt die tägliche Nutzung sogar noch etwas darüber. Gleichzeitig nutzen inzwischen 59 Prozent der Menschen zwischen 16 und 74 Jahren soziale Medien, bei den 35 bis 44 Jährigen sind es bereits 72 Prozent. Das allein ist natürlich noch kein Problem. Digitale Medien gehören zu unserem Alltag und können unser Leben an vielen Stellen leichter machen. Wir können mit Menschen sprechen, die weit entfernt leben, Informationen finden, Termine organisieren oder uns nach einem langen Tag einfach unterhalten lassen.

Interessant wird es dort, wo unsere Aufmerksamkeit kaum noch zur Ruhe kommt. Denn es macht einen Unterschied, ob wir drei Stunden bewusst etwas am Smartphone machen oder ob wir über den ganzen Tag hinweg immer wieder aus dem herausgerissen werden, was wir gerade tun. Eine Nachricht, ein Klingeln, eine Push Meldung, eine neue E Mail oder nur der kurze Blick auf das Display reichen aus, um unsere Aufmerksamkeit in eine andere Richtung zu lenken. Eine Studie mit 247 Personen zeigte, dass weniger Unterbrechungen durch Benachrichtigungen mit weniger Belastung und besserer Leistung verbunden waren. Eine weitere Untersuchung beschäftigte sich mit Eltern und ihrer Smartphone Nutzung und kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Nicht allein die Zeit am Smartphone war entscheidend, sondern insbesondere die Häufigkeit, mit der das Gerät die Aufmerksamkeit der Eltern auf sich zog. Das ist ein wichtiger Unterschied, denn vielleicht geht es bei unserem digitalen Alltag gar nicht in erster Linie darum, wie viele Minuten wir am Bildschirm verbringen. Vielleicht geht es viel mehr darum, wie oft wir unsere Aufmerksamkeit unterbrechen lassen.

Und dann ist da noch die Welt außerhalb unseres eigenen Lebens. Früher musste eine Nachricht erst zu uns kommen. Heute kommt die ganze Welt direkt in unsere Hosentasche. Krieg, Gewalt, Naturkatastrophen, politische Konflikte, wirtschaftliche Unsicherheit, Klimawandel oder Krankheiten können innerhalb weniger Sekunden auf unserem Bildschirm erscheinen. Wir können morgens noch im Bett liegen und innerhalb weniger Minuten wissen, was gerade irgendwo auf der Welt passiert. Das ist einerseits faszinierend und ein großer Vorteil unserer Zeit. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob unser Kopf wirklich dafür gemacht ist, ständig mit den Problemen der gesamten Welt beschäftigt zu sein.

Der aktuelle Stressreport der Techniker Krankenkasse zeigt jedenfalls, dass sich viele Menschen in Deutschland tatsächlich stark belastet fühlen. 66 Prozent geben an, sich häufig oder manchmal gestresst zu fühlen. Zu den wichtigsten Stressfaktoren gehören hohe Ansprüche an sich selbst sowie Belastungen durch Beruf, Schule oder Studium. Auch politische und gesellschaftliche Probleme spielen eine große Rolle. Mehr als die Hälfte der Befragten hat außerdem den Eindruck, dass das Leben heute stressiger ist als noch vor 15 oder 20 Jahren. Das bedeutet natürlich nicht, dass früher alles besser war oder dass digitale Medien automatisch für unseren Stress verantwortlich sind. Unser Leben ist komplexer geworden und wir haben heute auch Möglichkeiten und Freiheiten, die frühere Generationen nicht hatten. Aber wir können uns einer Sache kaum noch entziehen: Wir haben jederzeit Zugang zu einer enormen Menge an Informationen und gleichzeitig jederzeit die Möglichkeit, für andere Menschen erreichbar zu sein.

Vielleicht ist deshalb die Frage „Wie kann ich besser mit meinem Stress umgehen?“ manchmal gar nicht die wichtigste Frage. Vielleicht sollten wir uns zusätzlich fragen, wie viel Stress wir überhaupt in unser Leben hineinlassen. Denn nicht jede Nachricht braucht unsere Aufmerksamkeit, nicht jede Diskussion braucht unsere Meinung und nicht jedes Problem braucht unsere Lösung. Wir können uns für die Welt interessieren, ohne jedes Problem zu unserem eigenen zu machen. Wir können informiert sein, ohne ständig auf dem neuesten Stand sein zu müssen. Und wir können für andere Menschen da sein, ohne rund um die Uhr erreichbar zu sein.

Gerade Menschen, die ohnehin viel Verantwortung tragen, merken diese Belastung häufig besonders deutlich. Wer Kinder hat, arbeitet, einen Haushalt organisiert, sich um Angehörige kümmert oder im Alltag ständig für andere mitdenkt, hat bereits eine Menge im Kopf. Was muss morgen erledigt werden? Wer muss wann abgeholt werden? Was braucht das Kind für die Schule? Wann ist der nächste Termin? Was wollte ich noch einkaufen? Welche E Mail muss ich beantworten? Und während unser Kopf diese Aufgaben sortiert, kommen von außen ständig neue Informationen hinzu. Eine Nachricht über einen Krieg, ein Beitrag über eine Katastrophe, eine Diskussion in den sozialen Medien oder das Problem einer Bekannten. Unser Gehirn unterscheidet dabei nicht automatisch zwischen „Das betrifft mich“ und „Das beschäftigt mich“. Beides kann sich innerlich sehr real anfühlen.

Genau deshalb kann eine erstaunlich einfache Frage helfen: Muss ich das gerade wirklich wissen? Nicht, ob du es wissen darfst oder ob du dich dafür interessieren solltest, sondern ob es jetzt gerade notwendig ist. Manchmal lautet die Antwort natürlich ja. Dann ist es sinnvoll, sich zu informieren, zu handeln oder eine Entscheidung zu treffen. Aber sehr häufig lautet die Antwort auch nein. Die Nachricht kann bis morgen warten. Der Artikel muss nicht sofort gelesen werden. Die Diskussion in den sozialen Medien kann ohne dich weitergehen. Das Handy darf auf dem Tisch liegen bleiben, während du dich wieder dem Menschen zuwendest, der gerade neben dir sitzt.

Vielleicht müssen wir deshalb auch unsere Vorstellung von Selbstfürsorge ein Stück verändern. Wir sprechen viel über gesunde Ernährung, Bewegung, Schlaf, Pausen und Achtsamkeit. Alles wichtige Dinge. Aber genauso wichtig kann es sein, bewusst zu entscheiden, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Denn Aufmerksamkeit ist nicht einfach irgendeine Ressource. Sie entscheidet mit darüber, was wir erleben, worüber wir nachdenken und welche Themen wir mit in unseren Abend und manchmal sogar mit in unseren Schlaf nehmen. Deshalb lohnt es sich, nicht nur auf die Bildschirmzeit zu schauen, sondern darauf, wie wir uns danach fühlen. Fühlen wir uns informiert oder aufgewühlt? Verbunden oder erschöpft? Interessiert oder überladen? Und vor allem: Sind wir eigentlich noch bei uns?

Vielleicht bist du also gar nicht zu empfindlich. Vielleicht hast du einfach zu lange versucht, alles mitzubekommen. Vielleicht hast du dich daran gewöhnt, erreichbar zu sein, informiert zu sein und möglichst schnell reagieren zu können. Doch dein Leben braucht nicht deine permanente Aufmerksamkeit für alles, was irgendwo passiert. Es braucht deine Aufmerksamkeit für das, was wirklich wichtig ist: für die Menschen, die du liebst, für deine eigenen Bedürfnisse, für Entscheidungen, die du treffen möchtest, und für die Momente, die gerade tatsächlich stattfinden.

Die Welt wird nicht dadurch sicherer, dass du jede Nachricht sofort liest. Deine Familie wird nicht dadurch besser geschützt, dass du jederzeit erreichbar bist. Und du bist kein schlechter Mensch, wenn du manchmal nicht hinschaust. Du kannst dich für die Welt interessieren, ohne ihre gesamte Last zu tragen. Du kannst informiert sein, ohne ständig alarmiert zu sein. Du kannst für andere da sein, ohne dich selbst dabei zu verlieren.

Und manchmal darfst du einfach das Handy weglegen, tief durchatmen und feststellen, dass gerade nichts von dir verlangt wird.

Vielleicht ist genau das die Pause, die dein Kopf die ganze Zeit gesucht hat.

Und vielleicht beginnt genau dort etwas.

In dir.

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